Freitag, 28. Oktober 2011

IM SCHLAGLICHT: Spiel- und Lernpfad der kunstinteressierten Berliner

zu: "Tomás Saraceno - Cloud Cities" im Hamburger Bahnhof, Berlin // bis 15.01.2012

Der Hamburger Bahnhof steht für moderne Gegenwartskunst und beherbergt seit jeher u.a. Fotografien, Videoarbeiten und Collagen des 21. Jahrhunderts. Mit der Ausstellung "Cloud Cities" von Tomás Saraceno hat sich die Berliner Kulturinstitution ein neues bahnbrechendes Highlight ins Haus geholt, das Besucherströme anzieht und innovativer als alles zuvor wirkt: Eine künstlerische Utopie in Form von begehbaren überdimensionalen Kugeln.


Die oft für ihre beeindruckende Architektur gelobte Haupthalle scheint prädestiniert für Saracenos Installation. Zwei übergroße und zahlreiche kleine durchsichtige, kugelförmige Gebilde, die im ersten Moment wie Wasserbälle wirken, hängen mithilfe von zahlreichen Schnüren von der Decke und sind zusätzlich im Boden verankert. So entsteht der Eindruck eines riesigen, aber exakten Spinnennetzes, in dem die Bälle wie Wolken oder Tröpfchen verstreut sind. Vereinzelt finden sich lebende Pflanzen (Tillandsia) innerhalb dieser Wolken, andere haben sich zusammengerankt und bilden einen eigenen Rundkörper. Sie alle kommen wie der Künstler aus Südamerika und sind wurzellos. Durch speziell angepasste Schuppen nehmen sie Feuchtigkeit aus der Luft auf.



Die beiden großen, zugleich stabilen und feinen Konstrukte – Saraceno bezeichnet sie als Biosphären, in denen es zu Interaktionen kommt – sind zu beklettern, stets nur zu zweit und niemals aufrecht. Nur für Schwindelfreie, ein Gefühl des Schwebens mit Blick auf die glasige, mit Lufterwärmung und Druck wie in einem Autoreifen gefüllte Unterwelt inklusive. Ein abgeschlossenes System, das durch Doppeltüren und eine Pumpe in diesem Zustand verharrt.
Saraceno lebt in Frankfurt und ist studierter Architekt und Freikünstler, der bereits für die Nasa gearbeitet hat. Aus der Raumfahrt kommt auch sein speziell entwickeltes Material für seine Kugeln. Er empfindet die Natur als perfekt und möchte sich deren Funktionsweise für seine Kunst und eine alternative Welt aneignen. Deshalb ist sein Werk nicht nur durch die Naturwissenschaft inspiriert, sondern auch politisch und ökonomisch zugleich: Er möchte einen innovativen und spielerischen Anstoß zur gemeinsamen, gefühlvollen Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit geben und die Wechselwirkungen mit unserer Natur darstellen. Saracenos Grenzen sprengendes Werk formuliert eine Idee von einer möglichen Gesellschaft innerhalb eines frei schwebenden, autonomen Raumes.
Berlin ist dank Tomás Saraceno um eine Welt-Attraktion reicher. Seine transdisziplinäre Mitmach-Kunst weist den Weg hin zu einer Kulturform, die die Grenzen zwischen Utopie und Realität verschwimmen lässt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen